Brahms brennt das Fell
Die Referentin #44
Im Rahmen eines höchstbesonderen Konzertabends Ende Mai trafen im Linzer Brucknerhaus die Streicher*innen des renommierten Minetti Quartetts auf das Gitarren & Gesang-Duo The Düsseldorf Düsterboys. Ralf Petersen berichtet von einem ungewöhnlichen Klangerlebnis.

Das Minetti-Quartett (li.) applaudiert den Düsseldorf Düsterboys (re.). © Oliver Erenyi
„Es sind eigentlich zwei Konzerte“, schickt Brucknerhaus-Programmplanungsleiter Andreas Meier dem Abend gleich voraus, ehe die Musiker*innen die Bühne des Konzertsaals betreten. Diese beiden Konzerte – die abwechselnd stattfinden, um sich später zu verschneiden – sind ein vom Brucknerhaus geplantes Treffen und „Treffen ist buchstäblich gemeint“, so Meier, denn: Im Dialog begegnen sich Songs der Düsseldorf Düsterboys und jeweils „ein Satz Brahms“, dann: wieder Lieder, wieder ein Satz Johannes Brahms, vom Minetti Quartett dargeboten. Ich höre in der Reihe hinter mir ungeduldig eine Armbanduhr ticken, da treten die sechs Musiker*innen auf. Eine Angelegenheit mit sofort sichtbarem Kontrast: Das Streichquartett in schwarzer Kleidung – hier sticht lediglich das Oberteil der Violinistin heraus, auf welchem Glitzersteine funkeln – und das „Folk-Pop“-Duo im Normcore-Schluderlook, Pedro Goncalves Crescenti gar in Jogginghose. Und mit Bieren in der Hand dazu, die beiden! Das ist im klassischen Kontext natürlich ungewöhnlich.
Und ungewöhnlich solls werden, ists auch im Publikum: statt stillsitzen und Schnauze halten wird gleich beim ersten musikalischen Beitrag sitzgetanzt. Der Brucknerhaus-Plan, mit der experimentellen Programmierung ein jüngeres Publikum in den Saal zu locken, geht voll auf. Nachdem das musikalische Aufeinandertreffen mit dem angekündigtem ersten Satz Brahms begonnen hat, damit die Gäste aus Deutschland an der Reihe sind, fassen diese noch mal das eingangs von der Programmplanung erläuterte Prozedere zusammen: „Das Konzept des Abends ist“, sagt Peter Rubel, „dass ihr spielt, wir spielen, und am Ende spielen wir noch was zusammen. Und: Es gibt ne Pause.“ So sind sie, die Popmusiker: Ansagen, Humor, und Platz für Reaktionen: nach einem schrillen Klang schaut Pedor auf ins Allgemeine: „Ihr hört nicht absolut, oder?“
Das Minetti Quartett, das sind Maria Ehmer und Anna Knopp, Violine, Milan Milojicic, Viola und Leonhard Roczek, Violoncello, spricht nicht mit dem Mund, sondern mit den Instrumenten. Während die Düsterboys mit ihren Titeln neblige Gebäude basteln, aus denen gespenstische Musik echot, während die Musik der zwei Jungs, die gleichzeitig singen und Gitarre spielen, sich auch mal verspielen, errichtet das Minetti-Quartett stabile Architekturen aus geraden Klängen. Dass vor den Stücken nochmal grob nachgestimmt wird, ist jedoch beiden Gruppen gleich.
Nach dem letzten Brahmssatz des Abends sagt Düsterboy Peter, im mutigen Versuch, die Publikumserfahrung zu erahnen – oder die eigene Wahrnehmung beschreibend: die Bands sind ja auch das Publikum voneinander: „Ich denk mir, dass diese Wechsel passieren, und man merkt die Kontraste ja schon, und es wird dadurch irgendwie stärker. Man hat immer einen neuen Blick.“ Oder vielleicht, wie es im letzten regulären Lied des Abends, „Lavendeltreppen“, heißt: „Das eine gibt dem anderen Sinn.“
Zunächst Standing Ovations, dann geben die sechs noch eine improvisierte Zugabe: Für den gemeinsamen Vortrag von „Oh, Mama“ erklärt Peter noch schnell die Chord-Abfolge: F und C für die Strophe, D und E-Moll für den Chorus. Ein Kinderspiel fürs Minetti Quartett, ein Vergnügen fürs Publikum, das sich auf weitere solcher Abende freuen darf: „Wir möchten“, erzählt mir Paula Schlüter von der Brucknerhaus-Programmplanung, „das Format in Zukunft kontinuierlich fortführen.“
Das Minetti-Quartett ist ein in Wien beheimatetes österreichisches Streichquartett. minettiquartett.at
The Düsseldorf Düsterboys sind eine deutsche Folk-Band. duesseldorfduesterboys.de
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(23. Juni 2026)