Das Wir in Balance
Die Referentin #44
Bevor man den KunstRaum Goethestrasse xtd in der Goethestraße 30 betritt, entert man deren Homepage kunstraum.at. Man möchte ja vor dem Gesprächstermin mit Susanne Blaimschein und Beate Rathmayr, die für die Arbeit des Kunstraums verantwortlich zeigen, informiert und vorbereitet sein – meint Georg Wilbertz.


Kreislauf-Systeme, 2020, Künstlerische Gestaltung in den Räumen der Wienerstraße 317. © Otto Saxinger
Die Online-Vorrecherche startet mit einem Blick auf den Veranstaltungskalender für Mai. Der überrascht mit zweierlei: eine wohlgeordnete, im Kunstbetrieb nicht immer anzutreffende Übersichtlichkeit (die Angebotskategorien sind verschiedenfarbig unterlegt!) und eine erstaunliche programmatische Vielfalt. Das Angebot reicht von der „Kunstraumrunde“ über die „Neigungsgruppe Karaoke“ und der „Schreibzeit on Tour“ bis hin zu einer 5-Tages-Exkursion nach Venedig, wo – anlassbezogen – „Wir suchen die Kunst“ auf dem Programm steht. Dazwischen gibt es Veranstaltungen zur laufenden Ausstellung und sehr praktische Angebote („Haute Couture Flicken“ oder den Workshop „Holzschnitzen – Basics, Schale, Relief“). Eher rätselhaft erscheinen das „Katzenkino“ der Kunstraumkatzen (Eingeweihte wissen mehr) oder die Veranstaltung „Zeichnen. Ein Jahr und länger“, für die allerdings (zumindest im Mai) nur ein Dienstagnachmittag vorgesehen ist.
Das für einen Kunstraum erstaunlich heterogene Angebot sollte als Versuch gelesen werden, Handwerk, Praxis und Theorie beziehungsweise Kunst, Diskurs und Alltag in lebenswirkliche und vor allem lebenstaugliche Beziehungen zu setzen. Sieht man es so, wird die Offenheit des KunstRaum Goethestrasse xtd in alle Richtungen unmittelbar deutlich. Diese bezieht sich nicht nur auf die Inhalte, sondern schließt einen möglichst weit gefassten Adressat:innen-Kreis ein. Er reicht von der Nachbarschaft des Quartiers über die Stadt Linz bis hin zu Kooperationen in Oberösterreich. Und er schließt ausdrücklich Menschen mit „besonderem psychosozialen Unterstützungsbedarf“ ein. Womit wir bei einem sehr wichtigen Punkt des Selbstverständnisses wären. Im Gegensatz zu vielen anderen Kunstvereinen, Artspaces und sonstigen kulturlastigen Orten in Linz wirkt der KunstRaum Goethestrasse xtd wenig elitär. Die berühmt-berüchtigte Schwellenangst soll für die Interessent:innen gar nicht erst aufkommen. Der Zugang zur Kunst, zum künstlerischen Tun und den begleitenden Angeboten, die damit in mehr oder weniger enger Verbindung stehen, gestaltet sich möglichst niederschwellig. Auf ästhetische Qualität wird dabei ausdrücklich NICHT verzichtet. Ein weiterer methodischer Grundsatz verringert die Höhe der Schwelle maßgeblich: Die Projekte, Veranstaltungen und Aktionen des Kunstraums starten immer aus dem Wir der versammelten Interessent:innen heraus. Vom gruppenbasierten Startpunkt aus gehen die Teilnehmer:innen dann individuell ihre projektbezogenen Wege. All dies steht jeder und jedem offen, selbstverständliche Inklusion at its best.
Üben
Bedenkt man die Verschränkung von Praxis, Handwerk, Kunst und Theorie sowie die individuellen Interessen der Nutzer:innen, verwundert es nicht, dass das Jahr 2026 im Kunstraum Goethestraße unter dem – allgemeinen, vielleicht naiv anmutenden – Thema „üben“ steht.
„Wir können gar nicht anders, als uns übend zu verhalten und auf diese Weise auf uns selbst einzuwirken und uns höher zu entwickeln: Jeder Schritt bestimmt die folgenden Ausführungen mit.“
(Peter Sloterdijk, Scheintod im Denken, 2007)
Im Sinne Sloterdijks üben wir bei allem, was wir tun. Selbst das eingeübte Ritual oder die schon unendliche Male vollzogene Handlung bleiben stetes Üben. Dabei geht es keinesfalls um die allfällig propagierten Dogmen der Selbstoptimierung, die im „Idealfall“ zu ewig sportivem Dasein oder zumindest der ersten Milliarde führen (die sagenhafte „erste Million“ ist heutzutage etwas für arme Schlucker). Auch die perfekte Beherrschung bestimmter Fähigkeiten, die ökonomisch oder sozial (aus-)genutzt werden können, steht nicht im Vordergrund. Dies wäre deutlich zu funktional gedacht. Der Fokus liegt auf einem Üben, das als Prozess stetiger Selbstvergewisserung auf allen Daseinsebenen verstanden werden kann. Im Mittelpunkt steht nicht ein dienendes, ständig optimal funktionierendes Wesen, sondern ein Individuum, das übend zu sich selbst und zum sozialen Umfeld (zur Gruppe) findet. Der reflektierte, offene und intentionslose Ausgleich zwischen der/dem Einzelnen und der Gruppe (Wir) gehört zu den wesentlichen Zielsetzungen der Arbeit des Kunstraums Goethestraße xtd.
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Gehen und Weitergehen im KunstRaum Goethestrasse xtd. © Johanna Tatzgern
Kunst
Kunst und künstlerische Positionen, wie sie der KunstRaum Goethestrasse xtd mehrmals im Jahr präsentiert, nehmen dabei eine Ankerfunktion ein. Kunst (durchaus im Sinne von Schillers „ästhetischer Erziehung des Menschen“) ist per se offen, intentionslos und kreativ. Sie dient in der Goethestraße als Hintergrundfolie aus der nicht nur Kreativität und Assoziationen generiert werden können. Aus künstlerischen Prozessen gewinnen die Verantwortlichen des Kunstraums für ihre Arbeit nützliche Methoden, sei es der Wahrnehmung, der Abstraktion oder der Transformation von Wirklichkeit(en). Dabei lässt sich der Begriff des Übens problemlos mit der künstlerischen Arbeit und dem Einsatz künstlerischer Methoden und Strategien verbinden. Für Beate Rathmayr schließen sich künstlerische Kreativität und die permanente Notwendigkeit, im täglichen Tun zu üben, keinesfalls aus. Kunst fällt nicht als ästhetisch perfektes Produkt vom (Genie-)Himmel – und für unsere Alltagsbewältigung gilt das Gleiche. Alleine diese einfach klingende Erkenntnis befördert den oft angemahnten Lückenschluss zwischen Kunst und Lebenspraxis. In der Goethestraße geht es nicht unbedingt um die Forderung Sloterdijks, sich „höher zu entwickeln“, sondern darum, auf uns selbst positiv einzuwirken. Im Kontext grassierender Selbstoptimierungsfantasien klingt „üben“ sehr bescheiden und schließt die bescheidene Alltäglichkeit unseres Tuns mit ein. Für diesen Zugang bilden Raum und Angebot in der Goethestraße einen soliden Rahmen.
Räume
Raum in seinen vielfältigen Formen, Bezügen und Verflechtungen spielt für die Arbeit des Kunstraums eine zentrale Rolle. Der konkrete Kunstraum in der Goethestraße ist zunächst unabdingbare Grundlage und Hülle für die verschiedenen Angebote und Aktivitäten. Damit wird er zum sozialen, kulturellen und ästhetischen Container, der allerdings über seine Grenzen in die Stadt und darüber hinaus ausstrahlen möchte. Susanne Blaimschein und Beate Rathmayr achten sensibel auf die Raumbezüge und -wirkungen, die mit ihrer Institution verbunden sind. Dies ist wesentlich für eine erfolgreiche, nachhaltige Verortung innerhalb der sozialen und kulturellen Gefüge der Stadt. Man ist sich der besonderen Stellung des Kunstraums nicht nur bezogen auf den Stadtplan (weit und breit existiert in der Linzer Neustadt kein vergleichbares Angebot), sondern auch innerhalb der Linzer Kulturszene durchaus bewusst. Es bleibt allerdings nicht bei abstrakten Bezügen. Künstlerische Raumgestaltungen und Kunst-am-Bau Projekte, die vor allem in Zusammenhang mit Häusern von pro mente OÖ1 entstehen, weisen eine hohe künstlerische und ästhetische Qualität auf. Sie demonstrieren dauerhaft die dynamische Verbindung von Kunst und Leben, wie sie idealerweise im Kunstraum Goethestraße verfolgt wird.
Gehen
„Im Asphalt, über den der Flaneur hingeht, wecken seine Schritte eine erstaunliche Resonanz.“
(Walter Benjamin, Passagen-Werk, 1927–40)
Zu den künstlerischen Methoden und Tools, die der Kunstraum Goethestraße 2025/26 ausgiebig praktiziert, gehört das Gehen. Wie kaum ein anderes Mittel eröffnet das Gehen im Wortsinn neue Wahrnehmungsräume und sinnliche Erfahrungen. Bezogen auf das Jahresthema „Üben“ stellt das Gehen somit die optimale Ergänzung dar. Gleiches gilt für das bereits erwähnte Raumbewusstsein, das im Kunstraum praktiziert wird.
War das Gehen (archetypisch vertreten durch den ikonisch gewordenen Flaneur bei Walter Benjamin) neben der sinnlichen Vergewisserung der Umwelt ein sanfter Protest gegen die Geschwindigkeiten, Dichten und Dynamiken der Moderne, so kann man es heute durchaus als sinnlich intensiven Gegenpol zur Weltwahrnehmung über digitale Tools interpretieren. Soweit möchten Susanne Blaimschein und Beate Rathmayr im Gespräch den Bogen gar nicht spannen. Das bewusste Gehen ist für sie vor allem sinnliche Erfahrung, Überraschung, Neuland im Großen wie im Detail. Gegangen wird in der Stadt, auf dem Land und in den vielen Zwischenzonen, die unerwartete Räume öffnen. Dies völlig undogmatisch, offen und für jede und jeden.
„Straßen sind die Wohnung des Kollektivs. Das Kollektiv ist ein ewig unruhiges, ewig bewegtes Wesen, das zwischen Häuserwänden soviel erlebt, erfährt, erkennt und ersinnt wie Individuen im Schutze ihrer vier Wände.“
(Walter Benjamin, Passagen-Werk, 1927–40)
1 Der Kunstraum Goethestraße ist Teil von pro mente OÖ, woraus bestimmte Aufgaben und Methoden resultieren. Seine Arbeit hat keinen therapeutischen Hintergrund, sondern versteht sich als offener Raum für Begegnung und Dialog.
Jahresthema ÜBEN, Projekt WEITERGEHEN und mehr
WEITERGEHEN lautet der Titel eines Projekts zum aktuellen Jahresthema ÜBEN: Weitergehen, um dem Gehen als künstlerische Praxis und Ausdrucksmöglichkeit zu folgen und individuelle Wege und Geschichte(n) zu finden.
WEITERGEHEN am Freitag, 26. Juni 2026, 14:00–19:00 h mit der Künstlerin und Performerin Claudia Heu: Wie verändert sich unsere Wahrnehmung, wenn wir die Stadt wie eine Art lebendige Choreografie betrachten? Wenn wir davon ausgehen, dass jeder Moment genau so ist, wie er sein soll – Augenblick für Augenblick. In diesem Workshop erkunden wir den Stadtraum als etwas Lebendiges: Wir bewegen uns durch die Stadt, beobachten, halten inne und werden selbst Teil des Geschehens, entweder als BeobachterIn oder als PerformerIn.
Weitere Veranstaltung: Die Katzen des KunstRaum Goethestrasse xtd sind zu Gast in der Galerie im Glashaus Ottensheim.
Eröffnung: Do., 30. Juli 2026, 19:00 h
Der KunstRaum Goethestrasse xtd ist ein Angebot der pro mente OÖ.
kunstraum.at
Redaktionell geführte Veranstaltungstipps der Referentin
(23. Juni 2026)