„Vivir la Utopia!“ – Die Utopie leben
Die Referentin #44
Die Referentin bringt seit längerer Zeit eine Reihe über den Anarchismus als erste soziale Bewegung und Ausdruck vergangener wie aktueller kämpferischer emanzipatorischer Entwicklungen. Dieses Mal schreibt Hanna Mittelstädt über 90 Jahre soziale Revolution in Spanien.
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Revolution in Spanien. © CC
Im Juli 1936 kam es zeitgleich mit dem Kampf gegen den faschistischen Franco-Putsch in weiten Teilen Spaniens zu einer sozialen Revolution. Sie war eines der größten Beispiele für die Realisierbarkeit einer autonomen gesellschaftlichen Organisation, womöglich das bis heute größte anarchistische Experiment, in dem beispielsweise Katalonien, die Region Barcelona und der Landesteil Aragon nahezu komplett unter Selbstverwaltung standen. Die soziale Revolution in der ersten Phase des Spanischen Bürgerkrieges gehört zu den umfangreichsten gesellschaftlichen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts.
Ein neues Leben durch neue Vorgehensweisen
„Der Staat ist ein Verhältnis, ist eine Beziehung zwischen den Menschen, eine Art, wie Menschen sich zueinander verhalten; und man zerstört ihn, indem man andere Beziehungen eingeht, indem man sich anders zueinander verhält“ (Gustav Landauer). In dieser Hinsicht sind die Beteiligten der Spanischen Revolution 1936-37 in Katalonien und Aragon weit gekommen, in der Zerstörung des Staates durch den Aufbau anderer Beziehungen. Es gab Selbstorganisation auf allen Ebenen der Gesellschaft, in den Milizen, in Affinitätsgruppen, Nachbarschaften, am Arbeitsplatz. Der Putsch der Militärs konnte hier anfangs fast komplett zurückgeschlagen werden, die selbstorganisierten Milizen waren geschickt, entschieden, einsatz- und improvisierfreudig. Sie hatten langjährige Kampferfahrungen und waren mehrheitlich in den anarchistischen Organisationen CNT und FAI organisiert.
Was der Putsch unter Francos Führung verhindern wollte, nämlich eine revolutionäre Situation, in der der Staat mit seinen Machtorganen in Frage gestellt wird, wurde in den ersten Monaten im Gegenteil beschleunigt. Die autonome Selbstorganisation weitete sich von der bewaffneten Verteidigung gegen den Angriff auf die errichtete Republik in alle Bereiche der Gesellschaft aus. Sie schuf zahllose Komitees auf politischer, sozialer, ökonomischer, militärischer Ebene, die sich rätemäßig vernetzten und die Staatsmacht tatsächlich außer Kraft setzten.
Vom Juli bis Oktober 1936 herrschte eine Phase der „Freiheit“, der direkten Demokratie. Durch direkte Aktionen wurden spontane Kollektivierungen umgesetzt: in den Bereichen Transportmittel, öffentliche Dienste, Industrie, Handel, Landwirtschaft. Die Wahl der Betriebskomitees erfolgte durch Vollversammlungen. Die Milizen funktionierten ohne militärische Hierarchie. An der Abschaffung des Geldes wurde experimentiert, das Privateigentum an Produktionsmitteln weitgehend durch kollektive Verfügung ersetzt. Der Kampf gegen den „Geist der Ware“ wurde selbstverständlich nicht einfach so gewonnen, aber er wurde aufgenommen. Ca. 150 neue Schulen wurden eingerichtet, ihre Inhalte umgekrempelt, an einem veränderten Rechtssystem wurde gearbeitet.
Das umfassende neue Konzept war eine freie, dezentralisierte, demokratische Gesellschaft in Form einer Föderation von Gemeinden und Regionen. Diese Föderation verstand sich international und antinational. Auch klassenübergreifend: migrantische und örtliche Arbeiter*innen, Angestellte, Handwerker, kleine Kaufleute, Bauern, Intellektuelle gehörten selbstverständlich den verschiedenen Kollektiven an. Frauen und Jugendliche standen unter dem besonderen Joch der klerikalen und reaktionär-autoritären Ordnung. Ihr Auftauchen in den Milizen und Komitees war sensationell, ebenso die Bildung der „Mujeres Libres“ (Freie Frauen), die in der ersten Nummer ihrer gleichnamigen Zeitschrift im Mai 1936 hellsichtig und klar verkündeten: „Uns widert die Politik an, weil sie die menschlichen Probleme nicht versteht, sondern nur Sekten- und Klasseninteressen. Sie ist der permanente Brutkasten für Kriege. Die Politik trägt immer, wirklich immer, den Keim des Imperialismus in sich. In der Politik gibt es keinen Fortschritt. (...) Die Mujeres Libres suchen den grenzenlosen Fortschritt in der direkten und freien Aktion der Massen und der Individuen. Das neue Leben muss durch neue Vorgehensweisen aufgebaut werden.“
Die Organisation von Wirtschaft und Gesellschaft musste umfassend neu erfunden werden. Die anarchistische Gewerkschaft CNT hatte jahrzehntelang wilde Streiks, Enteignungen von Banken, bewaffnete Auseinandersetzungen mit Polizei und Armee unterstützt. Im Juni 1936 hatte sie mehr als 1 Millionen Mitglieder, 1938 sogar über 2 ½ Millionen. Sie organisierte Kulturzentren, hatte eine vielgelesene Presse. In Katalonien war sie bei Ausbruch der Revolution die wichtigste Kraft in Wirtschaft und Kriegsführung.
Aber schon am 24. Oktober 1936 begann mit dem „Dekret über die Kollektivierungen“ der Versuch, staatliche Kontrolle über die autonomen Strukturen zu etablieren. Etliche einflussreiche Mitglieder der anarchistischen Organisationen hatten sich an der aus den verschiedenen anti-faschistischen Parteien gebildeten Regierung beteiligt und daran mitgearbeitet, die neu geschaffenen politischen Institutionen in einen bürokratischen Teil der Macht umzuwandeln, eine umfassende Kontrollinstanz über die revolutionären Initiativen zu etablieren, das heißt, einen neuen Staat mit Ausbeutung und Unterdrückung.
Was passiert in einer revolutionären Situation, und wie wird sie beendet? Besteht die Revolution darin, die vorhandene gesellschaftliche Hierarchie zu stürzen, um sie durch eine andere zu ersetzen, die für gerechter gehalten wird? Warum konnten auch in der Spanischen Revolution die handelnden Menschen es ab einem bestimmten Punkt nicht mehr verhindern, dass die Gestaltung ihres Lebens an den Staat zurückfiel?
Mit der Einheitsfront in die Niederlage
Im Folgenden sind drei schwerwiegende Aspekte für das Scheitern der Sozialen Revolution skizziert:
- Die Parole „Zuerst der Krieg, dann die Revolution“ bedeutete die Errichtung einer Kriegswirtschaft, die Liquidierung der Selbstverwaltung in Industrie und Landwirtschaft zugunsten einer vermeintlichen Effektivität unter einheitlichem Kommando. Es bedeutete die Unterdrückung jeder Autonomie (von Betrieben, Stadtvierteln, Regionen etc.) zugunsten von Kriegszwecken, die von der zentralisierten Macht definiert wurden. Die Arbeitenden sollten in den Fabriken wieder Ausführende der staatlichen Beschlüsse sein. Statt um die Revolution ging es der regierenden Parteien-Koalition um die Verteidigung der Republik und damit um den Erhalt oder das Erringen der Macht im Staatsapparat. Die vielbeschworene „antifaschistische Einheit“ gegen die Putschisten unter Franco, die von der faschistischen Regierung Italiens und der des nationalsozialistischen Deutschlands unterstützt wurden, war auch ein Vorwand, um die soziale Revolution zu ersticken.
- Die Auflösung der Milizen zugunsten einer regulären Armee bedeutete die Entwaffnung der revolutionären Kerne, die Zerstörung relativ autonom kämpfender Einheiten zugunsten eines einheitlichen Kommandos mit rigider Hierarchie und Disziplin.
- Die Hilfe der UdSSR (unter Stalin) infiltrierte die spanische Revolution und erwürgte sie durch ihre rigiden, skrupellosen politischen Winkelzüge: durch Übernahme staatlicher Organe, die Aktivitäten der Geheimpolizei, die Praxis standrechtlicher Erschießungen, Verschwinden-lassen, Hinrichtungen von Abweichlern und Gegnern. Die berühmten sowjetischen Waffenlieferungen waren keine Hilfestellung für eine revolutionäre Bewegung, sondern wurden durch die Goldreserven der Spanischen Bank teuer bezahlt und waren Teil der Durchsetzungsstrategie sowjetischer Großmachtinteressen.
Auch die Spanische Revolution wurde durch Machtinteressen liquidiert. Sie wurde nicht nur von den vereinten faschistischen Kräften zermalmt. Die Enteignung der Revolution setzte durch die Etablierung neuer Staatsorgane schon 1937 ein. Der Spanische Bürgerkrieg, der noch bis 1939 weiterging, wurde durch den Sieg der Faschisten beendet, aber da ging es nicht mehr um eine Revolution, sondern um den Krieg konkurrierender Staatskonzepte.
Wie lässt sich aber die Haltung der Massen, insbesondere der anarchistischen Massen Kataloniens, gegenüber ihren Führern erklären? Warum kritisierten die revolutionären CNT-FAI-Mitglieder nicht radikaler ihre anarchistischen „Genossen und die Genossin Minister“ und sonstige neue staatliche Funktionsträger, nachdem diese sie so schmählich dazu aufgerufen hatten, ihren eigenen Kampf aufzugeben und sich in eine autoritäre Einheitsfront einzureihen? Diese Treue gegenüber der Organisation erklärt sich sicher auch durch die tiefe Verbundenheit der Mitglieder mit ihren anarchistischen Strukturen, besonders in den langen Zeiten von Illegalität und Verfolgung. Wie ein wirkmächtiger Mythos hatte die CNT-FAI die Kämpfenden beschützt, bis ihr Eintritt in die Machtpolitik deutlich machte, dass auch sie, als ein Organ der Macht, nicht vor dem Verlangen nach Autorität, Kontrolle, Disziplin, Armee, Vaterland, Produktivität, Ordnung, Personenkult und Opfermythos gefeit war.
Staat als kollektive Fiktion
Die Erinnerung an die Spanische Revolution stellt uns auch heute die Frage, ob wir die Held*innen- und Führer*innenmythologien hinter uns lassen können, ob wir den Glauben – der durch so viele Erfahrungen widerlegt wurde – an eine „gute“ Autorität ablegen können, der wir die eigene Macht übertragen. Können wir wirklich verstehen, dass der Staat, dieser „große Fetisch“, wie Bourdieu 1990 schrieb, eine Illusion ist, „dieser Ort, der wesentlich deshalb existiert, weil man glaubt, er existiere“? Die staatlichen Institutionen bestehen, gemäß Bourdieu, aus dem „organisierten und automatisierten Glauben an die kollektive Fiktion“.
Gemeinschaften, Kollektive und Einrichtungen, die sich der Schaffung von Gemeinwohl und Gemeingütern widmen, befinden sich, damals wie heute, in einem permanenten Prozess der Erfindung, Improvisation und Überprüfung, wobei sie Horizontalität und eine breite soziale Zusammensetzung als Grundlage haben. Die Versuche, genossenschaftliche Praktiken und Erfahrungen der Rätedemokratie der Vergangenheit wiederzubeleben, sind Teil dieser Dynamik. Eine echte antistaatliche gesellschaftliche Alternative zu werden, bedeutet, dass der Widerstand gegen das Bestehende und die (Neu-)Schaffung kommunitärer Lebensformen untrennbar miteinander verbunden sind. Das ist der zentrale Ausgangspunkt dafür, die Utopie zu leben.
Literatur:
Vera Bianchi (Hg), „Mujeres Libres. Libertäre Kämpferinnen“, Edition AV 2019
Pierre Bourdieu, „Über den Staat“, Suhrkamp Verlag 2014
Gustav Landauer, „Schwache Staatsmänner, schwächeres Volk!“ (Juni 1910)
Carlos Semprún-Maura, „Revolution und Konterrevolution in Katalonien“, Edition AV 2024
Die Anarchismus-Textserie ist auf Anregung von Andreas Gautsch, bzw. der Gruppe Anarchismusforschung entstanden und wird durch sie vermittelt.
Siehe auch: anarchismusforschung.org.
Redaktionell geführte Veranstaltungstipps der Referentin
(23. Juni 2026)