Verzweigte Assistenzen
Die Referentin #44
Zimmerpflanzen als Lebewesen mit kolonialer Geschichte und globalem Zuhause: In Verzweigte Assistenzen thematisiert Moritz Matschke Wachstumsprozesse, Züchtungen, globale Warenketten, häusliche Pflegeroutinen und kulturell überformte Bilder von domestizierten Pflanzen. Gudrun Rath hat die Ausstellung, die bis Mai im KunstRaum Goethestrasse xtd gelaufen ist, eröffnet – und hat uns ihren Text zur Verfügung gestellt.

Pflanzen vom Mistplatz Ottakring, Pflanzenbilder auf willhaben. © Otto Saxinger
Beginnen wir mit der Monstera: Diese Pflanze wird im tropischen Südamerika, in Zentralamerika und Mexiko bis zu 20 Meter hoch. Der Gummibaum, Ficus elastica, erreicht in Indonesien eine Wuchshöhe von bis zu 60 m. Hierzulande tummeln sich die Massen seiner kleinen Brüder und Schwestern im Innenraum: Als Miniaturen des Außen holen sie dieses nach Innen.
Wo ist die Grenze zwischen Innen- und Außenraum? An welchen Orten ist innen außen?
Während die Bergpalme, Chamadorea elegans, als Zimmerpflanze kaum mehr wahrgenommener Teil europäischer Interieurs geworden ist, werden die Blätter ihrer Schwester, Chamadorea tepejilote, in Mexiko und Zentralamerika in alten Maya-Techniken zum Dachdecken verwendet.
Viele der Pflanzen, die uns heute als alltägliche Begleiter*innen in Innenräumen zur Seite stehen, kamen im Zuge kolonialer Expeditionen nach Europa. Die Dimensionen des weltweiten Pflanzentransfers änderten sich mit Kolumbus ab 1492. „Mit der Ausdehnung der […] Kolonialreiche mehrten sich die Expeditionen, ständig kamen neue Pflanzen hinzu.“1 Pflanzenbesessene Forscher (kaum Forscherinnen) nahmen an diesen Expeditionen teil und die Suche nach immer neuen, ihnen nicht bekannten Pflanzen hinterließ Spuren auf ihren Körpern: das Waten durch Sümpfe markierte die Beine.
Wie bei den in der Ausstellung zu sehenden Händen waren auch damals die Hände dieser Menschen vom Interagieren mit den Pflanzen gezeichnet, die Haut gegerbt, zuweilen fanden sich auch auf anderen Körperteilen Spuren tropischer Krankheiten. Zurück in Europa machten die Forscher die Pflanzen zum Bestandteil von Herbarien und legten biologische Gärten an, in denen Pflanzen aus unterschiedlichen Himmelsrichtungen zusammengeführt wurden.2 Sie ersannen neue wissenschaftliche Klassifikationssysteme und gaben den Pflanzen neue Namen.3
Der Besitz und die Kultivierung dieser weit gereisten Pflanzen wurde ein Distinktionsmerkmal des Adels und zu einem Herrschaftszeichen; die Pflanzen als „grünes Gold“ gehandelt, zuweilen auch von anderen Imperien geklaut. Erst später traten diese Pflanzen in die privaten Räume des Bürgertums. Durchwegs wurden tropische Pflanzen kommodifiziert, sie waren zu Fetisch und Ware geworden. Nicht nur medizinische Verwendung war von Interesse, sondern auch ökonomischer Profit. So wurde 1888 etwa mit dem Gummibaum im deutschen kolonialen Forschungs- und Akklimationsgarten in Kamerun als Kautschukersatzpflanze experimentiert, da um Kautschuk, das ursprünglich im brasilianischen Amazonas gewonnen und dessen Hauptproduktionsort später vom britischen Imperium in einem Akt der Biopiraterie nach Asien verlegt wurde, ein globaler Wettstreit begonnen hatte.4 Auch mit der Yuccapalme wurde in deutschen Kolonien experimentiert, um sie als Ersatzpflanze für Sisalfasern in Betracht zu ziehen.5
Über diese konkreten Verwendungen hinaus dienten die zum Verreisen gebrachten Pflanzen zum Dekor: „Nach Europa gelangten die Zierpflanzen in Wellen, von den türkischen Tulpen im 16. Jahrhundert bis zu den nordamerikanischen Mammutbäumen im 19. Jahrhundert. Heute sind die Pflanzen so verbreitet, dass sich keiner mehr fragt, was sie hier verloren haben; sie gehören zu einer Kulisse, über die sich niemand mehr wundert.“6

© Otto Saxinger
Vor dieser Kulisse stehen die Betrachter*innen: Die Verbreitung von Bildern tropischer Landschaften trug dazu bei, dass diese als typisch und „natürlich“ wahrgenommen wurden und bis heute Vorstellungen ,der Tropen‘ prägen. Dass auch diese teils erst durch die Abholzung vorher da gewesener Wälder und Pflanzentransfers entstanden waren, geriet dabei in Vergessenheit. Dabei waren auch diese vermeintlich „natürlichen“ tropischen Landschaften oft menschengemacht.7
Durchwegs zeigt sich, dass Pflanzen, auch wenn sie an einem Ort Wurzeln schlagen, doch immer sehr beweglich waren, vor allem, wenn ihnen Menschen bei ihren Reisen assistierten.8 Sie waren und sind äußert mobile Akteur*innen. Pflanzen bewegten sich und wurden spätestens seit der Antike entlang von Handelsrouten bewegt. In den präkolumbianischen Amerikas sind Reisen von Pflanzen entlang der Küsten nachgewiesen, die diese per Schiff oder auf dem Landweg mit Hilfe von Menschen zurücklegten. So wurden etwa Maniok-, Kakao- oder Tabakpflanzen entlang verschiedener Stationen in den Amerikas nachgewiesen.9
Bis heute reisen Pflanzen mit oder ohne Unterstützung von Menschen. Pflanzliche Neuankömmlinge finden sich bevorzugt an Infrastrukturen wie Eisenbahnlinien. Manche Pflanzen sind besonders mobil. In Florida etwa scheiterte der Versuch, Grundstücke mit dem Pflanzen von Sanseverie zu begrenzen, da die Pflanzen sich verselbstständigten. Grenzen zwischen Innen und Außen sind zuweilen nicht so leicht zu ziehen.
Auch im urbanen Raum und an nicht für sie vorgesehenen Orten sind Pflanzen unterwegs. „In der Stadt, die man für ihr feindlichstes Milieu halten könnte, sind sie überall, erstaunlicher, unternehmungslustiger als irgendwo sonst.“10 Kleine Palmen drängen sich in New Yorker Gehsteigritzen, das brasilianische kleinblättrige Knopfkraut in Pariser Metroaufgängen. „Ganz von selbst mogeln sie sich in den Raum, der ihnen nicht geschenkt wurde, froh wie ein König, Herrscher in diesem großen Pflanzenreich […].“11
Was passiert inzwischen in den Innenräumen? Während der Gummibaum hier in einem Wohnzimmer steht und Mozarts kleine Nachtmusik oder Rage against the machine hört, rattern in Indonesien die Bulldozer und walzen die Wälder der Steilhänge für Palmölplantagen platt. Werden wir sowieso alle Palmen, wie der Anthropologe Michael Taussig in einer provokanten These meint, schon allein dadurch, dass die Unterscheidbarkeit zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Lebewesen verschwimmt, durch das Palmöl, das wir über Nahrungsmittel täglich in uns aufnehmen? Während die meisten die Abholzung für Monokulturen seit vielen Jahrhunderten bis heute ohne großen Einspruch hinnehmen, kümmern sich manche um die vielen pflanzlichen Akteur*innen aus den Innenräumen.
Mit der Ausstellung „Verzweigte Assistenzen“ und den von Mitarbeitern des Mistplatzes Ottakring geretteten Pflanzen lenkt Moritz Matschke die Aufmerksamkeit auf die nicht so klar ziehbaren Grenzen zwischen Natur und Kultur, Innen und Außen, die in seinen künstlerischen Arbeiten immer wieder im Zentrum stehen. Die Pflanzen, Leihgaben des Mistplatzes, rückt Moritz Matschke auf mobilen skulpturalen Arrangements in den Farben der Alterspflege ins Licht. Im Fokus stehen besonders Praktiken des Sorge-Tragens: Wer sorgt für wen? Wer assistiert wem und vor allem: wobei? Wer pflegt wen? Was zählt in Zeiten von multiplen Krisen an welchem Ort als „Mist“? Und wer kümmert sich?
Auf den Teppichen sind die Hände dieser Sorgetragenden zu sehen. Sie unterwandern die Idee von „Dekor“ und werfen Fragen nach den Spuren auf, die diese Arbeit mit sich bringt, aber auch Fragen nach dem „Danach“: Wann endet das Kümmern? Wie prägt dieses Interagieren die menschlichen Körper? Wann nehmen wir es nicht mehr wahr?
Mit einer auf willhaben gefundenen Serie aus Fotos, in der Verkäufer*innen pflanzliche Akteur*innen wieder loswerden wollen und dabei menschlichen und pflanzlichen Körper immer gleich inszenieren, wirft Moritz Matschke Fragen auf, die in eine ähnliche Richtung gehen: Wo hören pflanzliche Akteur*innen auf, wo fangen sie an? Wer hält hier wen? Wie bewegen sich diese Pflanzen heute, Jahrhunderte nach den Expeditionsreisen der Pflanzenjäger, fort, wie werden sie in ökonomische Zusammenhänge eingebettet? Wie kann ein gegenseitiges Sorge-Tragen aussehen? Welche Aufmerksamkeit für aus dem Innenraum heraus kaum Wahrnehmbares braucht es? „Verzweigte Assistenzen“ lenkt unseren Blick auf all diese Fragen und lädt uns dazu ein, uns mit diesen pflanzlichen Akteur*innen durch den Raum zu bewegen.
1 Fauve, Charlotte/Jeanson, Marc (2020): Das Gedächtnis der Welt. Vom Finden und Ordnen der Pflanzen, Berlin: Aufbau, S. 97.
2 Klemun, Marianne (2000): Botanische Gärten und Pflanzengeographie als Herrschaftsrepräsentationen, in: Berichte zur Wissenschaftsgeschichte 23, S. 330–346, hier S. 332.
3 Pratt, Mary Louise (1992): Imperial Eyes. Travel Writing and Transculturation, London: Routledge, S. 15.
4 Schneckenburger, Stefan (2010) Auf der Jagd nach dem „Grünen Gold“: Botanische Gärten in der Zeit des Kolonialismus, in: Biologie in unserer Zeit, Vol. 40, Nr. 6, S. 411–419, S. 417.
5 Ebd., S. 418.
6 Fauve, Jeanson, Das Gedächtnis der Welt, S. 148.
7 Sheller, Mimi (2001): Natural Hedonism. The Invention of Caribbean Islands as Tropical Playgrounds, in: The Society For Caribbean Studies Annual Conference Papers, Vol. 2, o. S.
8 Bucher, Annemarie (2012): Botanische Migration. Eine Spurensuche in der globalen Landschaft, in: Topiaria helvetica, S. 59–71, hier S. 59.
9 Ebd., S. 60.
10 Fauve, Jeanson, Das Gedächtnis der Welt, S. 179 u. S. 8.
11 Ebd., S. 10.
Moritz Matschke, Verzweigte Assistenzen
Die Ausstellung ist von 30. April bis 22. Mai 2026 im KunstRaum Goethestrasse xtd gelaufen.
kunstraum.at/moritz-matschke-verzweigte-assistenzen
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(23. Juni 2026)