Die Referentin #44 - Aktuelle Beiträge

Was kann uns Schimmel lehren?

Aimilia Liontou | Kunst und Kultur, 1. Juni 2026
Die Referentin #44

Im Kunstraum bb15 war im Mai während des Netzkulturfestivals AMRO die Installation Struggles Beyond Repair zu sehen. Aimilia Liontou hat die Artists Maja Bojanić und Brin Žvan getroffen und mit ihnen über Schwarzschimmel, Medien, Kunst und ihre Arbeit gesprochen. 

Das Institute of Mold Preservation …
Das Institute of Mold Preservation … Foto bb15-offspace

Beim Betreten der bb15-Galerie fällt sofort eine räumliche Konstruktion innerhalb der Galerie auf – es handelt sich um das Büro einer einzigartigen Einrichtung, die sich der Erhaltung von Schimmel widmet, genauer gesagt von Schimmel, der in kunst- und kulturbezogenen Einrichtungen wie Museen, Galerien, Archiven und Lagerräumen vorkommt. Das Institut für Schimmelkonservierung, das Institute of Mold Preservation (IfMP) wurde 2022 von der Künstlerin Maja Bojanić nach einer bemerkenswerten Entdeckung an der Decke der Galerie Dobra Vaga gegründet. Die Galerie befindet sich im slowenischen Lju­bljana, in den Plečnik-Arkaden, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören. So viel zum realen Background. Maja spricht über den fließenden Übergang zur Projektfiktion und über die seit 2022 gegründete fiktive NGO, die nachhaltige Modelle für die Erhaltung des Natur- und Kulturerbes fördern soll: „Die architektonische Substanz verrottete seit Jahren still und leise vor sich hin und stellte ein ernsthaftes Gesundheitsrisiko für die dort arbeitenden Kunststudenten dar. Dieser Verfall wurde jedoch letztendlich als kulturell bedeutsam neu interpretiert, als Wissenschaftler eine lange verschollene Kolonie von Schwarzschimmel entdeckten und diese ebenfalls zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärten, was ei­nen radikalen Wandel in den Ideologien und Methoden der Denkmalpflege mar­kier­te.“ 
Seitdem konzentriert das IfMP, das eben fiktive Institute of Mold Preservation, seine Aktivitäten auf die Entwicklung von Methoden zur Untersuchung, Überwachung und Erforschung der Ausbreitung von Schimmelpilzarten, teilweise in Zusammenarbeit mit anderen Künstlern. Nach vierjähriger Tätigkeit kämpft das IfMP derzeit aufgrund zahlreicher Krisen – darunter materielle, ethische und administrative – um den Fortbestand. In der Projektbeschreibung heißt es: „Im Jahr 2025 droht dem Institut (…) der Zusammenbruch. Im Verlauf eines ausgedehnten Videospiels durchforstet man digitale Dateien und physische Schubladen, um eine muf­fige Schattenseite aufzudecken, in der der Druck unlösbarer Krisen genau das untergräbt, wofür das Institut gegründet wurde: die Erhaltung. Ritualisierte Abläufe verzögern den unvermeidlichen Verfall und spiegeln spätkapitalistische Institutionen wider, die Selbsterhaltung über ihre eigentliche Mission stellen. Die Spieler werden zu Komplizen bei der Aufrechterhaltung der Fassade, während molekularer Widerstand entsteht: Nachhaltigkeit als beharrlicher Ver­fall“.

Wie gestaltet sich nun diese Szenerie? Für das AMRO26-Festival mit dem Titel Becoming Unreadable bringen Maja und Brin Žvan die Einrichtungen der Institution in die bb15-Galerie. Der transparente Kubus in der Galerie gewährt als IfMP in völliger Transparenz dem Publikum Zugang zu einem Bereich, der normalerweise für die Öffentlichkeit unsichtbar und unerreichbar ist, nämlich das Hauptbüro/Labor der Institution. In dieser erweiterten Videospielumgebung steht das Passwort des Computers auf einem Post-it-Zettel auf dem Bildschirm, die Schubladen bleiben unverschlossen und die Dokumente liegen zum Lesen bereit. Auf die Frage nach diesem Widerspruch antwortet Brin: „Nun, in Mu­seen oder Archiven darf man Dinge ja anfassen. Es ist nur eine Frage der Autorität und der Erlaubnis. In einem Archiv verbietet man normalerweise unbefugtem Personal, Dinge anzufassen, um die Objekte zu bewahren und Verfall zu verhindern. Aber was könnte für ein Büro, das Schimmel erforscht, normaler sein, als ein wenig Verfall zu erleben, wenn jeder Besucher einfach nur in eine Schublade schauen will?“ Indem das Publikum selbst zu „Forschern“ wird, steht es der jeweiligen Person frei, die Geschichte der Institution so tiefgehend zu erkunden, wie sie es möchte. Gleichzeitig gibt es bei dieser Forschung keine lineare Erzählung oder einen Ausgangspunkt: Das Publikum findet Informationsschnipsel und setzt sie zusammen.

… und die Struggles Beyond Repair.
… und die Struggles Beyond Repair. Foto bb15-offspace

Aber warum Schimmel? Schimmel und Mehltau sind normale und notwendige Bestandteile unseres Ökosystems. Verfahren unter Einbeziehung bestimmter Schimmelarten waren notwendig, um Lebensmittel zu konservieren und ihre Haltbarkeit zu verlängern. Was die Konservierung und Er­haltung generell oder auch kulturgeschichtlich betrifft: Ab dem 19. Jahrhundert wurde die Konservierung von Gebäuden, Artefakten und Kunst zunächst in der westlichen Welt zu einem notwendigen Ver­fahren, um die physischen Überreste unserer Vergangenheit für künftige Generationen zu sichern. Später wurde das Konzept der Konservierung auf Flora und Fauna ausgeweitet. Aber: Schwarzschimmel ist in Wirklichkeit kein UNESCO-Kulturerbe, auch nicht auf der Decke der Galerie Dobra Vaga, sondern eher Tabu, wenn es um Kunst und Artefakte geht. 
Diese Fiktion wirft allerdings Fragen auf, zum Beispiel: Wie entscheiden wir, was wir bewahren? „Ich frage mich oft, ob Konservierung wirklich so neutral oder unbestreitbar wichtig ist, wie wir gerne annehmen “, sagt Maja. „Natürlich ermöglichen uns Archive und Konservierung, uns zu erinnern, aber sie ermöglichen auch bestimmte Formen des Vergessens, indem sie entscheiden, was es wert ist, aufbewahrt zu werden, und was verschwinden darf. Archive sind niemals neutral: Jeder Akt der Konservierung spiegelt bestimmte Werte, Ideologien und Machtstrukturen wider. Deshalb denke ich, dass wir Konservierungspraktiken kritisch gegenüberstehen sollten.“
Bei der Bewahrung geht es nicht nur darum, etwas länger bestehen zu lassen, sondern auch um einen künstlichen Versuch, die Zeit anzuhalten und den Tod oder ein Ende zu vermeiden. „Was mich interessiert, ist nicht nur das, was überlebt, sondern auch das, was ausgeschlossen, vernachlässigt oder dem Verfall überlassen wird. Bewahrung ist immer selektiv, und diese Selektionen prägen, wie Geschichte erzählt und verstanden wird.“ Wir sollten auch bedenken, dass sich Kriterien im Laufe der Zeit ändern.
Was die Kunst betrifft, gibt es Künstler*innen (meist Frauen, Queers, People of Color oder ‚Underground‘-Künstler*innen), deren Werk zu ihrer Zeit als nicht ‚erhaltenswert‘ galt und die viele Jahrzehnte später wiederentdeckt wurden – oft nur teilweise, auf Flohmärkten oder versteckt in Kellern –, genau wie der Schimmelpilz Stachybotrys chartarum, der nach einer Reinigung verschwunden zu sein scheint, aber dann dennoch wiederauftaucht. Natürlich gibt es auch Künstler*innen, von denen wir nie erfahren.

Das Publikum ist eingeladen, selbst nachzuforschen.
Das Publikum ist eingeladen, selbst nachzuforschen. Foto bb15-offspace

Daher konzentriert sich die Forschung des IfMP auf diese Koexistenz und möchte nachhaltige Pionierarbeit bei der Entwicklung alternativer Praktiken im Bereich des Natur- und Kulturerbes leisten. Für Maja „können Prozesse des Verfalls und der Transformation auch neue Bedeutungen und Beziehungen hervorbringen. Schimmel wurde für mich interessant, weil er diese Prozesse sichtbar macht und zudem unkontrollierbar ist. Anstatt sie nur als Verunreinigung zu betrachten, wollte ich das Thema als etwas angehen, das unser Verlangen nach Beständigkeit und Stabilität in Archiven und im kulturellen Gedächtnis herausfordert.“ Eine weitere interessante Korrelation, die das Institut für Schimmelkonservierung – oder genauer gesagt das Projekt „Struggles beyond repair“ – hervorhebt, ist, dass sowohl die unabhängige Kunstszene als auch die Wissenschaft stark auf Fördermittel angewiesen sind, ebenso wie auf Unterstützung und Aufrechterhaltung der Unabhängigkeit. Dies geschieht durch die Thematisierung des fiktiv in die Krise gekommenen Institutes selbst, dem eben wegen materieller, ethischer und administrativer Krisen der Zusammenbruch droht. 
Aber wie kam das Projekt zustande? Struggles Beyond Repair wurde von der slowenischen Initiative Ljudmila, dem Art and Science Laboratory, produziert und von Maja Burja kuratiert: „Wir haben bereits zuvor sowohl mit Maja Bojanić als auch mit Brin Žvan zusammengearbeitet, und ich habe sie eingeladen, gemeinsam an einem Projekt zu arbeiten, da ich gewisse Überschneidungen in ihren individuellen Praktiken sah, die ich für interessant hielt, gemeinsam zu erforschen. Dies war ihre erste Zusammenarbeit sowie sogar ihr erstes Zusammentreffen, daher gingen wir dieses Projekt als eine Art gemeinsames Experiment an. Im Laufe des Prozesses wurde das Projekt sowohl von Majas präziser und poetischer Auseinandersetzung mit Narrativ, Erinnerung und Archivsystemen als auch von Brins spielerischem Ansatz des Geschichtenerzählens durch – herausfordernde – Medien geprägt. Was die Zusammenarbeit meiner Meinung nach letztlich zusammengebracht hat, war ein gemeinsames Interesse an Kollektivität, Inklusivität und Nachhaltigkeit sowie ein gemeinsames Interesse an metareflexiven Formen – Handlungsweisen, die während ihrer Entfaltung über ihre eigenen Bedingungen nachdenken.“
Unser Planet funktioniert auf vielen Ebenen, auf denen sich die Geschichten von Menschen und Nicht-Menschen verflechten. Schimmel ist da, um uns daran zu erinnern. 

Maja Bojanić ist eine Intermedia-Künstlerin, deren Praxis sich mit Auslöschung, Vernachlässigung und der Politik der Sichtbarkeit auseinandersetzt und untersucht, wie Erzählungen und Bilder fortbe­stehen, verblassen oder verschwinden.

Brin Žvan (1998) ist Medienkünstler*in und Spieledesigner*in. Mit einem MA in Game Design von der IT University of Copenhagen (2023) entwickelt er/sie Spiele, die entweder zu viele oder zu wenige Tasten verwenden.

Maja Burja ist Kuratorin und Produzentin für Neue Medienkunst. Ihre Arbeit zeichnet sich durch eine kritische Auseinandersetzung mit neuen und veralteten Technologien sowie ein Interesse an Kybernetik, Metafiktion und emergentem Gameplay aus. Sie hat mehrere Kunstausstellungen und -projekte, Künstler­residenzen, Vorträge, Workshops, Meetups und Festivals kuratiert und produziert. 
www.instagram.com/_teletext

Ljudmila ist seit Mitte der 1990er Jahre ein Kunst- und Wissenschaftslabor, in dem Kunst, Technologie und Zivilgesellschaft durch ein starkes Hacker- und Community-Ethos zusammenkommen. Mit Sitz in Ljubljana fungiert es als Produzent und Drehscheibe für künstlerische Entwicklung, Bildung und Forschung, mit einem langjährigen Schwerpunkt auf Open-Source-Technologien, Selbsthosting, experimenteller Elektronik und kreativem Programmieren. In den letzten Jahren haben wir uns zudem intensiv mit Permacomputing, Medienarchäologie und analog-digitalen Verflechtungen in interaktiven Medien wie Installationen und Spielen beschäftigt. 
https://wiki.ljudmila.org/Naslovnica

Das Projekt wurde im Rahmen von AMRO 2026 Becoming Unreadable im Mai 2026 im Kunstraum bb15 gezeigt.  
https://radical-openness.org/index.php/en/programm/2026/decay-and-desire

Aimilia Liontou
(sie/ihr) wurde in Athen, Griechenland, geboren und lebt seit 2016 in Linz. Sie ist eine multidisziplinäre Künstlerin, die Bildende Kunst und zeitbasierte Medien studiert hat. Sie ist in der Kulturszene von Linz aktiv und arbeitet bei servus.at und dem OÖKunstverein. Sie interessiert sich für Themen rund um FLINTA*, Technologie und Communities. Aimilia Liontou (she/her) was born in Athens, Greece, and has been living in Linz since 2016. She is a multidisciplinary artist who studied fine arts and time-based media. She is active in the cultural scene in Linz and works at servus.at and the OÖKunstverein. She is interested in topics related to FLINTA*, technology, and communities.
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