Die Referentin #44 - Aktuelle Beiträge

Arbeiten Sie heute wieder am Loch?

Ralf Petersen | Kunst und Kultur, 1. Juni 2026
Die Referentin #44

In seinem aktuellen Roman Jedermanns Dämon begibt sich der Autor und Kognitionswissenschaftler Thomas Raab auf die Spuren der Begierde. Ralf Petersen hat versucht, ihm und der Stimme, die allen Menschen innewohnt, nachzufolgen. 

Dämon, Daimon, Daimoni­on: Geistwesen, Schutz­geist, Ausdruck der Persönlichkeit. Und der titelgebende Dämon dieses Romans gehört nicht irgendwem, gehört auch nicht Hoffmannsthals Totentänzer Jedermann. Nein, dieser Dämon, er gehört jedermann, gehört allen ohne Unterschied. Dieser Dämon, das ist unser aller innere Stimme, noch keinem Konsens unterworfen. Was diese Stimme wiederum ihm sagen will, das fragt sich der Erzähler des Romans mehr indirekt, muss er doch vordergründig seine Flucht vor der Seuche schildern: Irgendeine Krankheit ist im Umlauf, da geht die Reise aus der Großstadt hinaus aufs Land, übers Land, an die nächstgelegene Landesgrenze fährt der Erzähler seinen Škoda. Ein Erlebnisbericht aus der Pandemiezeit? Oder doch viel eher ein Kriminalroman? Aber: Falls dem so ist, welchen Fall gilts zu lösen? Ja: Was ist der Konflikt?

Thomas Raab stattet seinen Protagonisten aus mit der Superkraft Wahrnehmung. Statt abgelenkt oder in Gedanken verharrend wie manch anderswo gefundene, durch einen Erzähltext leitende Stimme, wird in Jedermanns Dämon über die, wenngleich spärliche, Handlung hauptsächlich durch Interaktion mit der Umwelt informiert. Für Raab seis beim Schreiben Usus, so der Autor im Gespräch, „dem Gehirn möglichst wenig aufzubürden“. Die Gedanken des Erzählers, übrigens Werbetexter von Beruf, werden aber selbstredend vom Außen wiederholt ins Innere getrieben: „Die Mohnblumen“, berichtet er exemplarisch, „drängten mit ihrem Rot direkt in mein Gedächtnis.“

Nun also die Flucht vor der drängenden Welt. Abgestiegen wird in einem Schloss. Obs hier, am Rückzugsort, Ruhe gibt? „Ich bin schon sehr lang Zen-Buddhist“, erzählt Raab. Ob er seiner Hauptfigur auch eine Meditation gewähren wird? Das Spukschloss, verrät der Autor, sei auch eine Metapher fürs Ich, welches wiederum, bei Herrn Professor Freud, kritischen Verstand, Triebverzicht- und aufschub repräsentiert. Bei Raab symbolisierts auch den altbekannten „Ich-Trick“: hier sind nämlich im Text Sätze, Gedanken, außerdem – in anderer Schriftart gesetzte – vermeintliche Erinnerungen montiert zu einem Gefüge, das „die Lesenden in ihrer Identifikation verwirren“ will. Das Einsetzen des Ich-Erzählers, so Raab, also die Schilderung aus der ersten Person, bedeutet für ihn ein Kämpfen „mit offenem Visier“: kein Abstand, kein affektiertes Empathiebezeugen mit einer Figur, deren Irrwege zwar nachvollzogen, aber doch mit subtiler Distanz berichtet werden. Kafkas perfekter Satz, „Er steht am Fenster“, findet sich in Jedermanns Dämon als Aussage des Erzählers widergespiegelt, denn seine „Phantasie [sei] klar und deutlich“, doch vor dem Fenster fänden sich „nur Schemen“: Silhouetten, Vignetten, doch alles bloßer Schein. Ob hier der gesuchte Kriminalfall versteckt ist? Ist der Erzähler Täter, Schuld an seiner eigenen Unfähigkeit, „dem dämonischen politischen Apparat [seine] geringfügige Realität entgegenzustellen“; eine Bringschuld, mit der der deutsche Schriftsteller Peter Weiss im ersten Band der Ästhetik des Widerstands wiederum seinen Ich-Erzähler konfrontiert? 

„Ich glaube“, sagt Thomas Raab, „dass Künstler zaubern wollen, und dass das auch geht.“ Ein Suchen nach dem „seltsamen Schwebezustand“, in dem auch sein Erzähler sich für einen Moment wohlfühlt. Zaubern, damit meint Raab nicht wirklich Hexerei, Magie, sondern ein Ändern der Welt – einen Wechsel der Wahrnehmung derselben eigentlich – durch Handeln, Auftritt, bloßes Sein. Selbstbeobachtungsexperimente – „Selbstbeobachtung heißt, dass du es nicht messen kannst“, erklärt Raab – waren in der Psychologie längst ausgemustert, da habe Oswald Wiener, sie „wieder ausgegraben“, entwickelte Techniken, „den Blick ins Innere zu schärfen“, wie Thomas Raab in der Einleitung des von ihm mitherausgegebenen Bands „Selbstbeobachtung. Oswald Wieners Denkpsychologie“ über den langjährigen Kollegen Wiener schreibt. Wiener, ein Zauberer. Raab, vielleicht. Und unsere Romanfigur, unser Werbetexter? 

Als der, im Schloss, eines Morgens erwacht, berichtet er freudig, der Tag empfange ihn „traumlos und ausgeruht“: Ist sie da zu spüren, die Angst vorm Ich? „Oder war es die Erwartung“, heißt es später, „was wir im Loch finden würden?“; aufgeschobener Blick in die eigene, sogenannte Seele: Welch Begierde, Lust, Verlangen dort wohl wartet, im imaginären Loch? Ganz schön unruhestiftend, allein die Vorstellung! Eine Erwartung, schamhaft belastet, vor dessen Einlösung der namenlose Annoncenschreiber in die weniger konfrontative Umwelt flieht? So malt er sich dann, statt innere Karten anzufertigen, lieber die vorliegende Landschaft aus. Wegbeschreibungen und Raumanordnungen begründen die episodisch-fragmentarischen Wanderungen und Ausflüge ins Schlossumland. Dass Raab in Naturbeschreibungen exzelliert, hat seinen Hintergrund, vermutet der Autor selbst, in seinem früheren Studium der Geologie. Gleich zu Beginn galt es damals, ohne viel Fachvokabular, Vorgefundenes in Worte zu fassen. Zum Wanderroman wird Jedermanns Dämon freilich nie, stets drängt der Text zurück in die Zivilisation, in jener der Werbetexter etwa Verwaltungsmitarbeiterinnen beim Masturbieren erwischt: „Was geschieht hier?“, fragt er sich, Schweiß auf dem Gesicht. Die Antwort auf die eigene Frage verbietet sich, „Keine Schlussfolgerungen!“, fordert er schließlich: „Denn jedermann kann konstruieren, jedermann kann sich eine Geschichte über sich und Hausdiener und Verwalterinnen und Ladenbesitzer und Eltern und allwissende, alte Voyeurinnen zurechtlegen. Aber nicht jedermann mag, obwohl es so leicht scheint, das Risiko auf sich nehmen, seinen Dämon, seine zerstörerischen Impulse sprechen zu lassen.“ 

Viele weitere schöne Stellen, häufig ein „leicht paranoischer Charakter“, den Raab dem ganzen Buch attestiert, als rezensiere er ein Fremdwerk, ließen sich hier zitieren. Gigantische Anpassungsstörungen habe seine Hauptfigur, vielleicht: ein Übermaß an Intuition. Intuition, erklärt Raab, ist ein „plötzlicher Einbruch eines Gedankens“ – da macht sich einmal die Sorge breit, wenn er zuviel übers eigene Unglück nachdenke, würde es verschwinden: „Ich würde meine Katastrophe verstehen und dadurch vergessen“: Ein anderes Mal wird eine Richtungsänderung beschlossen: „Ja, nach Osten – denn im Westen war ich schon“. Und schließlich wird den anderen auftretenden Personen eine Kompliz*innenschaft und die Darbietung eines Wahrheitszirkusses unterstellt: „Da musste eine Falle sein: Alles Show!“ 

Der Konflikt ist in Jedermanns Dämon nicht offen dargelegt, er versteckt sich zwischen den Gesteins- oder den Bewusstseinsschichten. Dieser Dämon, unser aller innere Stimme, noch keinem Konsens unterworfen, die Angst vorm Ich: Raab und sein Erzähler, beide betrachten die Gegebenheiten keineswegs „gemachten Kopfes“ – und beide halten von Verteidigung „im Allgemeinen sehr wenig“: Angriff! Oder wie Eingangs: Kampf mit offenem Visier.     

 

Thomas Raab lebt als Kognitionswissenschaftler und Autor in Wien.
nachbrenner.at

Jedermanns Dämon

Raab, Thomas: Jedermanns Dämon. 
Wien: Czernin Verlag, 2026. 
ISBN 978-3-7076-0891-5, 25,– €, 324 Seiten.
www.czernin-verlag.com/buch/jedermanns-damon

Ralf Petersen
ist Reporter, Autor und Künstler. Er ist Mitarbeiter der Stadtwerkstatt Linz.
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