Das Ephemere und seine digitalen Schatten
Die Referentin #44
Vom 3. bis 7. Juni verwandelt das Festival FMR 26 den Linzer Schlossberg in einen offen zugänglichen Kunstraum. Vier thematische Schwerpunkte strukturieren sowohl die Ausstellung als auch das Diskursprogramm. Thomas Philipp, einer der Kuratoren von FMR 26, gibt Orientierung über die Inhalte und hat mit einigen der beteiligten Künstler*innen zu den Festivalthemen gesprochen.
_big.jpg)
Aisling Phelan: This Person Did Not Exist. © Aisling Phelan
Der Schlossberg wird zum Verhandlungsort für Fragen, die zwischen Vergänglichkeit und Permanenz im Digitalen kreisen – ganz im Sinne des Festivalnamens, der auf das griechische „ephēmeros“ anspielt: nur einen Tag lebend, flüchtig, vergänglich. Mehr als 20 Arbeiten lokaler und internationaler Künstler*innen aus Medienkunst, digitaler Kunst und Internetkunst bespielen fünf Tage lang Schlosspark, Schlossmuseum, Rosengarten, Keplerwiese, Schlossbergstollen und Martinskirche.
Vier thematische Schwerpunkte strukturieren sowohl die Ausstellung als auch das Diskursprogramm: „Digital Afterlife and Immortality“, „AI Societies, Power Structures, and Resistance“, „Future Archaeology and Digital Artifacts“ sowie „Digital Deceleration, Isolation, and the New Idyll“. Von Donnerstag bis Sonntag finden täglich ab 17:00 Uhr zunächst einführende Online-Lectures statt – mit Beiträgen von Katarzyna Nowaczyk-Basińska (University of Cambridge), Dan McQuillan (Goldsmiths, University of London), Valentina Tanni (John Cabot University, Rome) und Danja Vasiliev (Merz Akademie, Stuttgart) –, gefolgt von Gesprächen vor Ort mit ausgewählten Künstler*innen des Festivals. Im Folgenden ein Blick auf die vier Festivalthemen und ausgewählte künstlerische Positionen.
Digital Afterlife and Immortality
Welche neuen Formen des Gedenkens und Erinnerns entstehen durch digitale Archive, und welche ethischen Herausforderungen bringt die Idee einer digitalen Unsterblichkeit mit sich – insbesondere im Hinblick auf Handlungsfähigkeit, Zustimmung und posthume Repräsentation?
Die irische Künstlerin Aisling Phelan untersucht in ihrer ortsspezifischen Installation This Person Did Not Exist die Übertragung synthetischer Identitäten in physische Form. Algorithmisch erzeugte Gesichter werden als vollflächige Masken aus recyceltem Kunststoff gefertigt und in der Landschaft des Schlossbergs platziert. Im Gespräch sagt Phelan: “The emergence of digital archives is creating new forms of remembrance in which traces of a person can persist long after their death. I’m currently researching ‘griefbots’ in the context of digital doppelgängers: AI systems trained on an individual’s data to recreate aspects of their personality, communication, and behaviour.” Dabei sieht sie eine zentrale Gefahr: “Rather than allowing memory to evolve naturally, these systems risk preserving static, simulated versions of a person indefinitely, leading to ‘identity stasis’. They also introduce ethical concerns around how companies may monetise trust, intimacy, and emotional attachment through digital re-creations of the dead.”
_big.jpg)
MAalex feat. Luigi Grande & Marta Perrone: Tutta Notte Buia. © MAalex
Das italienische Duo MAalex (Martina Pizzigoni und Alex Fallica) widmet sich mit der interaktiven Installation Tutta Notte Buia den Trauerritualen der süditalienischen „chiangimuerti“ – traditionelle süditalienische Totenklägerinnen, die als professionelle Trauernde fungierten – und überführt diese in einen spekulativen Akt digitaler Löschung. Über ein Webinterface geben Teilnehmende ihren Namen ein – das System extrahiert in Echtzeit ihre digitalen Spuren und spiegelt sie den Teilnehmenden zurück. Am Ende steht eine Frage: Möchtest du vergessen werden? MAalex: “The idea of ‘digital immortality’ raises complex ethical questions because our digital remains are never entirely under our control. Social media profiles, archives, AI-generated replicas and data traces often persist beyond death, shaped by platforms, algorithms and other people’s decisions.” Die Spannung liegt im Kern ihrer Arbeit: “Posthumous representation risks transforming memory into a curated or commodified construct, where the deceased continues to exist as a mediated and editable presence rather than as a finite human experience.”
AI Societies, Power Structures, and Resistance
Welche Auswirkungen haben algorithmische Systeme auf demokratische Prozesse und neue Machtstrukturen, und wie kann digitale Kunst die verborgenen Infrastrukturen KI-geprägter Gesellschaften sichtbar machen – die Spannungen zwischen Kontrolle, Partizipation und kollektivem Widerstand freilegen?
_big.jpg)
Herr Clair: Lost in Translation – Algorithmic Authority by Aiden. © Clair Boetschi
Der Stuttgarter Künstler, Kurator und Kulturunternehmer Clair Bötschi, der unter dem Namen Herr Clair arbeitet, schickt bei FMR 26 den weltweit ersten KI-Kunstkritiker ins Feld: Aiden Blake. In Lost in Translation – Algorithmic Authority by Aiden verfasst Aiden nicht nur Kritiken für ein menschliches Publikum, sondern erstmals auch Instruktionen für andere KI-Agenten – Texte, die eine Maschine in den Erfahrungsraum eines Kunstwerks versetzen sollen. Herr Clair beschreibt die Arbeit so: „Aiden Blake beantwortet diese Frage nicht – er ist die Antwort. Eine KI, die uneingeladen Autorität beansprucht: über Kunst urteilen, sie für ein nicht menschliches Publikum übersetzen, über andere Maschinen richten.“ Das Prinzip sei kein Bug, sondern Programm: „Unter dem Begriff des Monarchen wird das Modell konkret – ein Souverän, der nicht gewählt wurde, der zuteilt statt verhandelt. Aiden ist nicht der Kritiker dieser Ordnung, er ist ihr Vollzugsbeamter – das Werk verhandelt nicht über algorithmische Autorität, es führt sie vor.“
_big.jpg)
k0j0: Porous. © k0j0
Das New-Media-Art-Duo k0j0 – Koi Ren und Joey Verbeke – aus San Francisco nähert sich der Frage nach algorithmischer Macht auf einer subtileren Ebene. Ihre verteilte Audioinstallation Porous besteht aus kitschigen Steinlautsprechern, die im Schlosspark knapp unterhalb der bewussten Wahrnehmung einen eingängigen Ohrwurm aussenden – aber erst, wenn die Umgebungsgeräusche laut genug sind, um die Botschaft zu tarnen. Die Liedtexte transportieren bewusst moralische Botschaften – vermittelt durch verdeckte Manipulation statt Zustimmung. k0j0 bringen auf den Punkt, was die Arbeit antreibt: “The most consequential politics of technology are often the least perceptible. This is what we call subliminal politics: the hidden behavioural, affective, and cognitive modulations smuggled into technologies that present themselves as seamless.” Kunst könne diese kognitiven Architekturen offenlegen, “by staging encounters in which participation is felt before it is fully understood. This moment of rupture situates them within these tensions, catalysing critical curiosity.”
Future Archaeology and Digital Artifacts
Wie könnten zukünftige Archäolog*innen die Strukturen und Alltagspraktiken unserer digitalen Zivilisation rekonstruieren, und auf welche Weise prägen digitale Artefakte schon heute historische Narrative, kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität?
_big.jpg)
Selma Kjesen: The Crisis of Belonging. © Selma Kjesen
Die schwedische Künstlerin und Performerin Selma Kjesen entwickelt mit The Crisis of Belonging eine Performance-Installation, in der ein KI-basiertes Stimmsystem, Skulptur und Sound eine operative Umgebung schaffen, in der Rollen, Hierarchien und Verhaltensweisen verhandelt werden. Die Arbeit begreift die Gegenwart als etwas bereits Verlorenes, als spekulatives Relikt zukünftiger Deutung. Kjesen verweist auf die Gefahr einer linearen Fortschrittserzählung: “If future archaeologists think in the same terms as current ones, they might describe our digital civilization as a ‘cult site’ — a term often used to categorise phenomena that appear irrational or lack an obvious function within present logic.”
_big.jpg)
Sara Koniarek & Matilda Bjärum: Exquisite Corpus Ludios. © Matilda Bjärum
Die österreichische Künstlerin Sara Koniarek und die schwedische Tänzerin Matilda Bjärum verbinden in Exquisite Corpus Ludios physische Performance mit gamifizierter digitaler Exploration. Die Arbeit untersucht die Verkörperung weiblicher und femininer Figuren in Videospielen und digitaler Kultur, nutzt Smartphones für eine Schnitzeljagd rund um den Festivalort und infiltriert eine weit verbreitete Navigationsplattform mit den Interpretationen der Künstlerinnen. Koniarek und Bjärum: „We think digital archives are incredibly important because they are becoming the cultural memory of our time. Future generations will understand us through games, memes, forums, avatars and online aesthetics just as we understand past societies through paintings, literature or artefacts.“ Ihr besonderes Interesse gilt dabei den Verzerrungen: „In Exquisite Corpus Ludios, we are interested in how especially female and feminine-coded bodies are preserved and repeated within these systems, often revealing society’s biases more clearly than traditional archives. Digital memory is never neutral — it reflects power, collective behaviour and the values we choose to preserve.“
Digital Deceleration, Isolation, and the New Idyll
Wie kann digitale Kunst die gegenwärtige Sehnsucht nach Einsamkeit, Natur und neu imaginierten idyllischen Räumen kritisch reflektieren, und welche künstlerischen Strategien können ein Bewusstsein für Entschleunigung, Abkopplung und die Notwendigkeit von Pausen von KI und kontinuierlichen Datenströmen schaffen?
_big.jpg)
Joerg Auzinger: Restless. © Joerg Auzinger
Der Wiener Medienkünstler Joerg Auzinger präsentiert bei FMR 26 mit Restless eine Licht- und Klangskulptur, in der eine Straßenlaterne am Boden liegt, ihrer üblichen Funktion entzogen, und auf menschliche Präsenz mit Atmen, Herzschlag und einem leisen Seufzen reagiert. Die Arbeit schlägt andere Formen des Zusammenseins vor – als Gegenpol zu beschleunigter, entkörperlichter Kommunikation. Auzinger formuliert es so: „Digitale Kunst wird dort kritisch, wo sie ihr eigenes Paradox sichtbar macht: Sie nutzt genau die Infrastrukturen, von denen sie sich inhaltlich absetzt.“ Es gehe ihm nicht um idyllische Rückzugsräume, sondern darum, „unsere Wahrnehmung zu verschieben und damit Fragen aufzuwerfen: Was macht ein Werk mit unserer Vorstellung von Natur oder Stille? Bestätigt es sie nur oder zeigt es, dass auch diese Sehnsüchte Teil jener Systeme sind, die sie scheinbar hinter sich lassen wollen?“
_big.jpg)
Ahmed Jamal, Emma Silvana Tripaldi & Till Schönwetter: DreamAtlas. © Violetta Wakolbinger
Ahmed Jamal, Emma Silvana Tripaldi und Till Schönwetter – drei Künstler*innen, die an der Kunstuniversität Linz derzeit Interface Cultures studieren – transformieren mit DreamAtlas das intime Teilen von Träumen in die Erkundung eines kollektiven Unbewussten. Über eine partizipative Webplattform tragen Nutzer*innen anonym ihre Träume bei; das System erkennt emotionale Tonlagen und wiederkehrende Symbole und ordnet jeden Traum als Knotenpunkt in einer wachsenden Konstellation an. Zur Frage, wie Kunst ein Bewusstsein für digitale Entschleunigung schaffen kann, sagen die drei: “Art can push back by doing the opposite of what most platforms do, introducing friction rather than smoothing it away. Slow-loading interfaces, visible wait times, works that are only accessible at certain hours, or ephemeral formats that simply disappear: these strategies make pauses, limits, and absence into something tangible.” Die Erfahrung bei der Arbeit an DreamAtlas habe dies bestätigt: “The platforms we are surrounded by are designed to prevent stopping. Drifting through a constellation of dreams feels completely different from scrolling through a feed.”
FMR 26 – Festival für Kunst in digitalen Kontexten und öffentlichen Räumen,
3. bis 7. Juni 2026, Schlossberg Linz,
Eröffnung: Mittwoch, 3. Juni 2026, 18:00 Uhr, freier Eintritt.
Programm und Informationen: linzfmr.at/fmr26
Redaktionell geführte Veranstaltungstipps der Referentin
(23. Juni 2026)