Die Kakaozeremonie – Die feine Linie zwischen kultureller Wertschätzung und kultureller Aneignung
Die Referentin #44
Auf meiner letzten Reise nach Nicaragua führte mich mein Weg nach Ometepe – eine Insel, geformt von zwei Vulkanen und einst ein heiliger Ort für die Nahuatl (indigene Gruppe, die früher in Nicaragua gewohnt hat). Unser „eco-lodge“ lag idyllisch inmitten der Natur, doch ein Detail ließ mich nicht los: Zwischen Yoga- und Meditationsangeboten wurden auch Kakaozeremonien für Tourist:innen angeboten – geleitet von einer weißen Person aus den USA.
Mich persönlich hat das sehr gestört. Zeremonien sind keine ästhetischen Aktivitäten oder touristischen Erlebnisse. Sie haben eine tiefe spirituelle, historische und gemeinschaftliche Bedeutung. Nicht jeder kann – und sollte – sie durchführen. Und dennoch gibt es Menschen, die sie nicht nur nachahmen, ohne dieser Tradition anzugehören, sondern dafür auch noch Geld verlangen.
In diesem Moment stellte sich mir erneut eine Frage, die mich schon lange begleitet: Wo verläuft die Grenze zwischen kultureller Wertschätzung und kultureller Aneignung? Dürfen wir alles tragen, praktizieren oder weitergeben, nur weil wir es schön oder inspirierend finden? Ein Huipil aus Guatemala, ein Ta Moko von den Maoris, eine Catrina für Día-de-Muertos, traditionelle Kleidung oder spirituelle Rituale – sind das frei verfügbare Ausdrucksformen oder Teil lebendiger Kulturen mit eigenen Regeln und Bedeutungen?
Für mich ist diese Frage persönlich. Ich bin zwischen Kulturen aufgewachsen und habe irgendwann aufgehört, eindeutig sagen zu können, welche „meine“ ist. Ich empfinde großen Respekt gegenüber der Maya-Kultur, obwohl ich nicht in ihren Regionen geboren wurde. Gleichzeitig könnten meine indigenen Wurzeln eher mit den Nahuatl-Völkern verbunden sein. Dennoch bin ich mit der Maya-Kultur vertrauter – mit ihrer Küche, ihren Geschichten, ihren Farben und ihrem Weltbild. Und genau deshalb habe ich mich oft gefragt: Habe ich das Recht, bestimmte Kleidung zu tragen oder darüber zu sprechen?
Vielleicht liegt die Antwort nicht bei mir, sondern bei den Original-Gemeinschaften selbst. Und wenn selbst Menschen mit einer engen Verbindung zu einer Kultur zögern, stellt sich eine umso drängendere Frage: Warum glauben andere – oft aus dem globalen Norden –, dass ein kurzer Kontakt mit einer Kultur genügt, um sich ihre Ausdrucksformen anzueignen, sie zu lehren oder sogar zu vermarkten?
Es geht nicht nur um Bewunderung, sondern auch um Macht und Zugang. Wer profitiert – und wer wird verdrängt? Problematisch wird es dort, wo Außenstehende aus kulturellen Praktiken Kapital schlagen, während diejenigen, die diese Traditionen tragen, unsichtbar bleiben oder keinen Raum erhalten. Echte Wertschätzung würde bedeuten, diesen Raum bewusst zu öffnen – für jene, die das Wissen, die Geschichte und die Verantwortung dafür tragen.
Hinzu kommt eine offensichtliche Doppelmoral: Gesellschaften, die Menschen aus dem globalen Süden für ihre Bräuche oder Religionen marginalisieren, feiern genau diese Elemente, sobald sie konsumierbar und entkontextualisiert werden. Was zuvor abgelehnt wurde, gilt plötzlich als „exotisch“ oder „spirituell“.
Vielleicht sollten wir uns daher eine einfache, aber unbequeme Frage stellen: Wenn wir mit einer Kultur arbeiten oder an ihr verdienen – schaffen wir Raum für sie oder nehmen wir ihn ein?
Wir können von außen wertschätzen, wir können lernen und teilen. Aber wenn Geld im Spiel ist, wenn diejenigen verdrängt werden, die tatsächlich zu dieser Kultur gehören, dann sprechen wir nicht mehr von Wertschätzung. Dann sprechen wir von Aneignung.
Redaktionell geführte Veranstaltungstipps der Referentin
(23. Juni 2026)