Die Referentin #44 - Aktuelle Beiträge

Ein Brief auf der Bühne

Silvana Steinbacher | Kunst und Kultur, 1. Juni 2026
Die Referentin #44

Wie bringt man eine Briefnovelle auf die Bühne? Die Tribüne Linz hat Corinna Antelmanns Text Alle Zeit, gestundet – Ein Brief an Ingeborg Bachmann anlässlich des 100-jährigen Geburtstages der berühmten Schriftstellerin dramatisiert. Silvana Steinbacher über die in Ottensheim lebenden Autorin Corinna Antelmann, der die Briefnovelle als literarische Form liegt. 

Aushang der Tribüne
Im Aushang der Tribüne. Foto Die Referentin

Die 90-jährige Literaturprofessorin Anette spürt, dass sie nur noch kurz zu leben hat. Sie reist zu Ingeborg Bachmanns Grab nach Klagenfurt und hofft, dass ihr noch genügend Zeit bleibt, um ihren Brief an die berühmte Autorin beenden zu können. Dieser Brief ist gleichsam ein Resümee, in dem sich Anette mit Leben und Werk der Bachmann auseinandersetzt, aber ebenso mit Themen, die viele Frauen kennen: dem Bedürfnis nach Autonomie, dem Schmerz über das Zerbrechen von Beziehungen, den Mechanismen, denen Frauen zu unterliegen scheinen, dem „Altern in Würde“.

Corinna Antelmanns Novelle Alle Zeit, gestundet – ein Brief an Ingeborg Bachmann ist bereits ihre dritte Briefnovelle. Die Form des Monologs kommt ihr, literarisch gesehen, entgegen, sagt die Autorin, und so wie bei Franz Kafka als auch bei Anna Freud, die Thema der ersten beiden Briefnovellen sind, bleibt auch ihr jüngster „Brief“ an Bachmann natürlich ohne Antwort. 

Briefromane sind in der Literatur eine beliebte Gattung, wenn wir an Johann Wolfgang von Goethes Die Leiden des jungen Werthers, Wolfgang Bauers Der Fieberkopf oder Alice Walkers Die Farbe Lila denken, um nur einige zu nennen. Bevor mir Corinna Antelmann noch mehr über ihr Leben und ihre Literatur erzählen wird, zuerst einmal zum Stück:

Cornelia Metschitzer, die Leiterin der Tribüne Linz – Theater am Südbahnhofmarkt hat als Regisseurin schon in mehreren Stücken reale Frauen in den Mittelpunkt gerückt: die Journalistin und Schriftstellerin Milena Jesenská, die zu Unrecht fast ausschließlich als Freundin von Franz Kafka im Gedächtnis geblieben ist, Alma Mahler-Werfel und Romy Schneider. Und jetzt, zu ihrem 100. Geburtstag, Ingeborg Bachmann.

Metschitzer lässt Anettes Kinder Jon und Bettine in einer Rahmenhandlung nach Anettes Tod ins Haus der Mutter zurückkehren. Dort packen sie Anettes Koffer und Tasche aus und finden den Brief der Mutter an Ingeborg Bachmann. Durch die im Brief geschilderte Lebensgeschichte der Mutter und ihre intensive Auseinandersetzung mit Literatur, insbesondere eben mit Bachmann, lernen sie unbekannte Facetten ihrer Mutter kennen. Dadurch nähern sich Anettes Kinder mehr ihrer gemeinsamen Familiengeschichte an. Eine Schauspielerin und ein Schauspieler agieren fast ausschließlich mimisch und gestisch, und der Brief kommt fast nur aus dem Off. Mir hätte eine schlichte Lesung des eindrucksvollen Textes von Corinna Antelmann genügt, aber das muss jeder für sich entscheiden.

Corinna Antelmann hat, und damit bildet sie keine Ausnahme, Bachmann erstmals mit circa 20 Jahren gelesen. Und da ich nicht voraussetzen will, dass alle Leser:innen – so wie Antelmanns Figur Anette – jedes Detail kennen, hier die wichtigsten Eckpunkte des Lebens von Bachmann, die als eine der bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerinnen und Prosaschriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts gilt. Sie war eine zentrale Figur der Gruppe 47, einer einflussreichen, aber auch chauvinistischen literarischen Vereinigung der Nachkriegszeit. Bachmanns Auftritt, bei dem sie 1952 ihr Gedicht Die gestundete Zeit las, brachte ihr dennoch den renommierten Preis der Gruppe 47 ein und begründete ihren schnellen literarischen Erfolg. 1954 wurde ihr eine Titelgeschichte im Wochenmagazin Der Spiegel gewidmet. 1973 erlitt Bachmann schwe­re Verletzungen durch einen Brand, den sie beim Einschlafen mit einer Zigarette verursacht hatte, an dessen Folgen sie im Krankenhaus starb. Sie hinterlässt ein umfangreiches Prosa- und Lyrikwerk. Die Charakteristik ihres Werkes zusammenzufassen ist schwierig. Zu ihren Lebzeiten waren es hauptsächlich ihre Gedichte, die für eine neue Ära der deutschen Lyrik standen. Ihr facettenreiches Werk ließ sie zu einer Ikone der Literatur der Nachkriegszeit werden. Der Verlust der Realität und Entfremdung sind auch in ihren Prosawerken zu finden. Der renommierte Ingeborg-Bachmann-Preis in ihrem Geburtsort Klagenfurt wird seit 1977 verliehen.

Für Corinna Antelmann war Bachmanns 100. Geburtstag in diesem Jahr lediglich ein guter Anstoß, die Autorin als Thema zu wählen, aber keineswegs die alleinige Intention, denn in Bachmanns Roman Malina gab es einige Themen, so erzählt mir Corinna Antelmann, mit denen sie sich identifizieren, bei denen sie andocken konnte. Das Gefühl, zu verschwinden, keinen rechten Platz zu finden, die Frage, ob Frauen in dem Maße gehört werden, wie sie es anstreben und es ihnen gebührte, trete für sie bei Malina hervor, der Roman habe auf sie bereits als Studentin eine bahnbrechende Wirkung gehabt.

Wer ist Corinna Antelmann und was macht die in Bremen geborene und heute in Ottensheim lebende Autorin? Antelmann studierte Literatur, der stets ihre Liebe galt, wechselte dann zu Film, sie sei naiv gewesen, so erzählt sie, wollte sofort einen Spielfilm realisieren, ohne zu bedenken, dass bei einem Projekt dieser Größenordnung viele Menschen mitsprechen. Von Hamburg zog sie vor 20 Jahren nach Oberösterreich und arbeitet heute als Autorin, auch Jugendbuchautorin, Dramaturgin, Lehrende und Vermittlerin in der Gedenkstätte Hartheim. Hier kann sie auch ihre umfangreichen Filmkenntnisse gut anwenden, denn zur Zeit unseres Gesprächs plant sie gerade ein Filmprojekt mit Jugendlichen. Diese sollen ihre Eindrücke zum Gedenkort, zur sogenannten Optimierung des Menschen umsetzen. Außerdem lehrt oder lehrte sie in Hagenberg und Salzburg. 

Vor kurzem ist die Anthologie Wannst net fort muaßt, so bleib? erschienen. Im Buch mit dem etwas bodenständigen Titel lassen 32 Autorinnen ihre verschrifteten Gedanken um Heimat, Identität, Sehnsucht nach der Ferne und ähnliche Themen kreisen. Corinna Antelmann entschied sich in ihrer Kurzgeschichte für einen autobiografischen Text, denn das weitgesteckte Thema bot ihr eine willkommene Möglichkeit, nach 20 Jahren in Oberösterreich eine Art Bilanz zu ziehen. In ihrer Kurzgeschichte reflektiert sie über Zugehörigkeit und das Gefühl des Andersseins. In Ottensheim fühle sie sich beheimatet. In Österreich insgesamt jedoch oftmals in Grenzen, fügt sie nach einer kurzen Pause hinzu, denn die hier selbstverständlichen Codes beherrsche sie nicht, und schon allein durch ihre norddeutsche Aussprache fühle sie sich immer auch ein bisschen „draußen.“ Das ist manchmal anstrengend, erzählt sie und setzt fort: Ich denke oft, ich müsse mich als besonders anpassung- und leistungsfähig zeigen, um nicht mehr „draußen“ zu sein – eine Haltung, die ich vielleicht auch von den Eltern übernommen habe, die ihre Heimat verlassen, fliehen mussten. Und damit schließt sich der Kreis, denn auch Bachmanns Werk setzt sich intensiv mit Zugehörigkeit, mit Heimat und mit Entfremdung auseinander, und das bei Bachmann oft auch im Zusammenhang mit einer persönlichen Entfremdung. – „Sieh dich nicht um. / Schnür deinen Schuh. / Jag die Hunde zurück. / Wirf die Fische ins Meer. / Lösch die Lupinen! // Es kommen härtere Tage.“ (aus Bachmanns „Die gestundete Zeit“)    

Tribüne Linz – Theater am Südbahnhofmarkt
Alle Zeit, gestundet – Ein Brief an Ingeborg Bachmann
Von Corinna Antelmann
Noch am 03. 06. und 25. 06. (100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann)

Corinna Antelmann, Werkauswahl: 
•    Spargel in Afrika. Erzählung, Monika Fuchs Verlag 2020
•    Im Geiste, Anna. Briefnovelle, Kollektiv Verlag 2022
•    Die Farbe der Sprachlosigkeit. Roman, Monika Fuchs Verlag 2023
•    Alle Zeit, gestundet – Ein Brief an Ingeborg Bachmann, Kollektiv Verlag 2026 

Bestellungen über die Webseite der Autorin.
corinna-antelmann.com

Silvana Steinbacher
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